Die Universität

Stand 28.05.07

Carl von Ossietzky Universität

Hilbert Meyer

 

 

Befriedigende Arbeit

in einstürzenden Neubauten

 

Ich habe fast mein gesamtes Berufsleben in einstürzenden Neubauten1 zugebracht:

- Kaum war ich im Jahr 1972 Angestellter des Nordrhein-westfälischen Kultusministers geworden, um am Aufbau des Kollegschulversuchs NRW mitzuarbeiten, wurde dieser Versuch von der damaligen Landesregierung NRW in seinen wesentlichen Elementen gekappt. Wir Wissenschaftler haben dagegen protestiert, aber ohne Erfolg.

- Kaum hatte ich 1975 eine Professur an der Carl von Ossietzky Universität erhalten und mich verpflichtet, mich aktiv am Projektstudium der Einphasigen Lehrerbildung zu beteiligen, wurde von der 1976 neu gewählten Landesregierung beschlossen, diesen Modellversuch abzublasen.

- Kaum hatte ich meine langjährigen Kontakte zu Lothar Klingberg (Potsdam) und Edgar Rausch (Leipzig) zu einer Kooperationsvereinbarung mit der Clara-Zetkin-Hochschule in Leipzig konkretisiert, wurde die DDR und kurz darauf auch die Pädagogische Hochschule Leipzig abgewickelt.

- Kaum hatten wir an der Uni Oldenburg den Lehrbetrieb auf die noch halbwegs sinnvolle Lehramts-Prüfungsverordnung von 1998 umgestellt, wurde das BA/MA-Modell eingeführt und alles, was wir aufgebaut hatten, erneut durcheinander gewirbelt.

So ist das Leben. Man gewöhnt sich mit der Zeit daran, nicht allzu viel Herzblut in die Organisationsstruktur des eigenen Arbeitsplatzes zu stecken und mehr darauf zu achten, auch unter widrigen Bedingungen Sinn in der eigenen Arbeit zu entdecken.2 Astrid Kaiser hat kürzlich angemerkt, dies sei eine unpolitische Haltung. Deshalb will ich mich genauer ausdrücken: Ich halte den Streit um die richtige Organisationsform der LehrerInnenbildung weiterhin für unverzichtbar (ich bin weiterhin dezidierter Anhänger der Einphasigkeit). Aber das Scheitern großer Projekte ist für mich kein Grund, mich in die Ecke zu setzen und das Arbeiten einzustellen. Gerade unter widrigen Bedingungen ist es umso wichtiger, Studierende beim Aufbau einer humanen Lehrerhaltung und in der Entwicklung professioneller Kompetenz zu unterstützen.

Der nun folgende Text ist von Bernhard Möller für eine Aufsatzsammlung mit autobiografischen Texten Oldenburger ErziehungswissenschaftlerInnen erbeten worden. Es ist kein Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen Positionsbestimmung (das habe ich an anderen Stellen versucht), sondern so etwas wie ein Rechenschaftsbericht über gut 40 Jahre beruflicher Tätigkeit an der Volksschule Ocholt, an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und an der Carl von Ossietzky Universität 0ldenburg.

1. Geburt und Flucht3

Ich wurde am 2.10.1941 in Lauenburg / Pommern als viertes von 6 Kindern geboren. Meine Eltern stammten aus dem Land Oldenburg (mein Vater aus Wilhelmshaven, meine Mutter aus Delmenhorst). Mein Vater hatte 1938 eine Dozentenstelle an der Pädagogischen „Grenzlandhochschule“ in Lauenburg/Pommern erhalten.4 So bin ich eher zufällig ganz im Nordosten des damaligen Deutschlands geboren worden.5 Im Januar 1945 – mein Vater war als Marineleutnant in Wilhelmshaven stationiert - flüchtete meine Mutter mit den damals geborenen vier Kindern (zwei ältere Brüder, Berend und Dierk, mein Zwillingsbruder Meinert und ich) sowie mit meinen Großeltern vor der heranrückenden Sowjetarmee in den Westen. Ich kann mich an drei oder vier Szenen der Flucht erinnern:

- Wir sitzen auf der offenen Ladefläche eines Lastwagens, auf dem ein großer Hund mitfährt. (Später wird mir erzählt, dass es ein Lastwagen war, den mein Vater in Wilhelmshaven organisiert hatte, weil er Ausrüstungen für die Raketen-Versuchsanstalt Werner von Brauns in Peenemünde/Pommern in den Osten bringen musste und leer zurück fuhr.)

- Wir überqueren auf einer Fähre einen großen Fluss (die Oder?) und übernachten danach in einem Haus, in dem es Holzbretter mit fluoreszierenden Astlöchern neben dem Bett gibt. (Später erzählen mir die Eltern, dass dies das Haus des Bankdirektors Gerhard Wachsmann war, der sich später um die Uni-Gründung in Oldenburg verdient gemacht hat.)

- Unser Zug ist in Oldenburg angekommen – zumindest befinde ich mich auf einem Bahnsteig, auf dem ein kanadischer Militärzug steht. (Es dürfte also im März oder April 1945 gewesen sein.) Ein kanadischer Soldat winkt meinen Zwillingsbruder und mich zu seinem Abteilfenster und schenkt uns einen Riegel Schokolade – die erste Schokolade, an die ich mich erinnern kann.

Meine Mutter hat einmal aufgeschrieben, wie anstrengend und risikoreich für uns alle die Flucht war.6 Wir Zwillinge wurden an zwei langen Lederleinen festgebunden, um nicht im Gedrängel der Zugabteile verloren zu gehen. Wir sind aber nie in Todesgefahr gewesen. Bis heute träume ich hin und wieder davon, dass ich mich in einem Zug befinde und meine Reisegefährten oder das Gepäck verloren habe. Zumeist hält der Zug nicht dort, wo er halten soll, oder er kommt überhaupt nicht an.

2. Eltern

Unsere Mutter hatte in der Familie das Sagen. Unser Vater war für den Außendienst zuständig. Wir kamen mit allen Problemen, die es gab, zuerst zu ihr und besprachen, was davon an den Vater weiter gesagt wurde – so lernten wir, diplomatisch zu agieren. Unsere Mutter war sicherlich das, was man heute eine starke Frau nennt. Sie wurde immer wieder von Bekannten und Verwandten gebeten, schwierige Lagen zu klären. Sie hatte eigentlich Medizin studieren wollen, aber das war zwischen den beiden Weltkriegen in ihrer Familie aus finanziellen Gründen undenkbar.

Unsere Mutter war seit ihrer Kindheit Laienmalerin und hat es dabei weit gebracht. Sie konnte uns Zwillinge so genau zeichnen, dass man auf der Zeichnung erkennen konnte, wer Meinert und wer Hilbert war. Wir rissen uns um ihre Bilder, die sie großzügig verschenkte. Als sie 80 Jahre alt war, haben wir sechs Kinder alle Ölbilder, Zeichnungen, Aquarelle und Tonplastiken zusammengetragen und im Haus der Evangelischen Kirche Westerstede eine private Ausstellung organisiert.

Mein Vater, 1904 geboren, kam aus einer „kaisertreuen“ Marinefamilie. Mein Großvater war erst Matrose, dann sogenannter Decksoffizier. Vater war der erste in seiner Familie, der zum Gymnasium geschickt wurde, dann aber sitzen geblieben war7 und an das Lehrerseminar in Varel bei Oldenburg wechselte.8 Nach dem Abschluss wurde er Lehrer im Ammerland. In zwei Anläufen hat er dann ein Studium in Erziehungswissenschaft absolviert und ist 1936 in Bonn bei Erich Rothacker promoviert worden. Mein Vater war laut seiner Personalakte seit 1933 Mitglied der NSDAP. Uns gegenüber hat er nichts dazu gesagt, aber wir kannten ja die Fotos mit dem Parteiabzeichen. Vaters jüngerer Bruder Georg-Heinz, Studienstiftler, war aktives Mitglied der Bekennenden Kirche. Mein Vater hat uns nie erzählt, ob sie sich gestritten haben. Ich habe seine Dissertation gelesen und war dann eher beruhigt, dass - zumindest in meiner Wahrnehmung – der Text keine Entgleisungen enthält. Mein Vater wäre gern an die Akademie, später dann Hochschule für Lehrerbildung in Oldenburg gegangen; es gab auch schon Vorgespräche dazu, aber dann wurde der nach dem Krieg in Kiel lehrende Theodor Wilhelm auf die Stelle gesetzt, auf die auch mein Vater spekuliert hatte.9 (Ein Ausschreibungs- und Bewerbungsverfahren im heutigen Sinne gab es damals für Pädagogische Hochschulen nicht.) Dann kam 1938 das Stellenangebot in Lauenburg/Pommern, das mein Vater offensichtlich gern angenommen hat. Kurz danach Einberufung zum Militärdienst, den mein Vater der Familientradition folgend bei der Marine absolvierte. Mit Kriegsende wurde mein Vater Kriegsgefangener bei den Briten. 1946 kam er aus der Gefangenschaft zurück. Damals habe ich ihn als 5jähriger das erste Mal bewusst wahrgenommen. 1947 wurde er Studienrat an der Oberschule Westerstede (ohne Erstes oder Zweites Staatsexamen), dann 1950 Schulrat des Landkreises Ammerland, 1956 Professor für Schulpädagogik an der Pädagogischen Hochschule für Landwirtschaftslehrer in Wilhelmshaven.10 Die Tatsache, dass mein Vater Hochschullehrer, später auch Rektor einer Pädagogischen Hochschule war, hat mir, so glaube ich zumindest, gut getan. Denn ich hatte keinen überflüssigen Respekt vor Professorentiteln.

3. Zwillinge

Ich habe einen eineiigen Zwillingsbruder, Meinert Meyer, der ebenfalls Professor für Schulpädagogik ist und am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg lehrt. Er hat eine Frau namens Christel, meine Frau heißt Christa; er hat vier Kinder, wir ebenfalls. Als wir noch Kinder waren, hat uns der Zwillingsstatus eher gestört. Meinert betonte gern, dass er 10 Minuten älter als ich ist. Ich habe ihm dann etwas von Jakob und Esau erzählt (oder mir zumindest vorgenommen, dagegen zu halten.) Bis zum Abitur saßen wir in der selben Klasse; jede Klassenfahrt und jede Ferienreise machten wir gemeinsam; viele Geburtstagsgeschenke mussten wir uns teilen, was ich gegenüber meinen älteren Geschwistern, die nicht teilen mussten, als ungerecht empfand. Die Mehrzahl unserer LehrerInnen konnte uns nicht unterscheiden. Deshalb erhielten wir nur in jenen Fächern, in denen schriftliche Leistungen abgerufen wurden, hin und wieder unterschiedliche Noten. Das Zeugnis meines Bruders war aber zumeist ein bisschen besser.

Als wir unsere eigenen Wege gegangen waren und dann zehn Jahre später beruflich wieder aufeinander stießen, haben wir den Zwillingsstatus sehr genossen. Mein Bruder übernahm meinen Arbeitsplatz in der Wissenschaftlichen Begleitung Kollegschule in Münster – noch jahrelang trafen wir Menschen, die den Personenwechsel nicht bemerkt hatten. Wir doubeln uns hin und wieder in Lehrveranstaltungen und machen uns einen Spaß daraus, dass viele Studierende trotz der zunehmenden äußerlichen Unterschiede auf die Maskerade hereinfallen. Wird mein Bruder von einem Kollegen angesprochen, der ihn mit mir verwechselt, so pflegt er zu sagen: „Ich kenne Sie nicht. Aber ich kenne Ihr Problem.“

Es gibt zahlreiche Gemeinsamkeiten, die erst lange, nachdem wir auseinander sind, entstanden sind. Unsere Art, Texte für Vorlesungen und Seminare herzustellen, ähnelt sich frappant. Mein Bruder schenkt jedem Studierenden, der bei ihm die Examensprüfung macht, einen am Strand in Jütland aufgesammelten Stein als Erinnerung. Ich tue das ebenfalls. Wir sind nur durch Zufall auf diese Gemeinsamkeit gestoßen.

Wir haben nicht den Eindruck, durch den Zwillingsstatus eine mangelhafte Ichstärke erworben zu haben. Das Gegenteil scheint mir wahrscheinlicher. Aber wir ticken eben sehr ähnlich. Und wir haben die Möglichkeit, uns gegenseitig in der Berufsarbeit zu beobachten und so unsere eigene Körpersprache, unser Verhandlungsgeschick oder Ungeschick gespiegelt zu bekommen, z.B. dann, wenn mein Bruder eine Sitzung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft leitet. Zur Zeit sitzen wir daran, das erste Mal ein richtiges Buch gemeinsam zu schreiben (über Wolfgang Klafkis Didaktik).

4. Kindheit und Jugendzeit

Ich lebte vom 3. bis zum 19. Lebensjahr in der Ortschaft Westerstede/Landkreis Ammerland, zunächst in einem für Flüchtlinge frei gemachten Schützen-Vereinshaus, dann in einem kleinen11 Haus am Ortsrand von Westerstede. Wir waren ein großer Haushalt. Neben den schon genannten drei älteren Brüdern habe ich zwei jüngere Schwestern, die 1950 und 1953 in Westerstede geboren wurden. Zusätzlich zu den 6 Geschwistern lebten zwei Pflegekinder in unserer Familie. Außerdem lebte während meiner gesamten Jugendzeit meine Großmutter väterlicherseits bei uns. Sie nörgelte gern und machte unserer Mutter, ihrer Schwiegertochter, das Leben schwer.12 Später habe ich formuliert: „Wir waren zu Hause mit 10 Kindern – die Oma zählte doppelt, weil sie so ziegig sein konnte.“

Eine große Rolle spielte im Sommer die Badeanstalt. Meinert und ich hatten schon mit 4 Jahren begonnen, schwimmen zu lernen und mit 5 Jahren das Freischwimmerabzeichen gemacht. Meine Eltern hielten dies für wichtig, weil wir direkt neben einem Schwimmbad wohnten, das keinen Zaun besaß, so dass die Gefahr bestand, als Nichtschwimmer beim Spielen zu ertrinken. Spezialität der Zwillingsbrüder war Turmspringen. Wir brachten es bis zum Auerbachsalto. Ich konnte ohne Mühe 50 bis 60 Meter tauchen. Wir genossen es, als Grundschulkinder bei der Großmutter, die damals noch in Wilhelmshaven wohnte, im Marinebad vom 10-Meter-Turm zu springen.

Ich hatte ein Aquarium. Hin und wieder zog ich zu einem der Tümpel oder zum „Möhlenbült“ und fing dort einen Salamander oder einen Stichling samt Nest und Eiern, die dann zu Hause schlüpften und zum Füttern der Skalare benutzt wurden. Meine Spezialität war das Aufziehen von Kampffischen. Sie haben eine spezielle Technik, ihre Brut in Schaumnestern groß zu ziehen.

Wir hatten ein offenes Haus. Insbesondere die Fahrschüler der Oberschule übernachteten oft bei uns, wenn sie nach Schulveranstaltungen nicht mehr nach Hause kommen konnten. Die Haustür wurde nie abgeschlossen. Es konnte ja noch jemand kommen, der eine Ecke zum Schlafen sucht. Fast jedes Jahr hatten wir ausländische Gäste – Schüler und Schülerinnen aus England, die mit uns den Unterricht besuchten. In den Ferien machten wir dann Gegenbesuche, z.B. drei mal in Straßburg.

Meine Eltern haben niemals Urlaub mit uns gemacht. Dazu reichte das Geld nicht. In der 8. Klasse machten Meinert und ich mit der ev. Jugendgruppe und Pastor Hans von Seggern eine großartige Fahrradfahrt durch Holland und in der zehnten eine Besuchsfahrt nach Cardiff/Wales. Ich bin ab der 10. Klasse oft in den Sommerferien und auch noch als Student per Anhalter durch ganz Europa getrampt. Ich wähnte mich im Reich der Freiheit und habe jede dieser Reisen genossen.

5. Schulzeit

Von 1948 bis 1952 besuchte ich die erste bis vierte Klasse der Volksschule Westerstede (später in Brakenhoffschule umbenannt), von 1952 bis 1961 die Oberschule Westerstede – später Gymnasium Westerstede. Dort machte ich dann auch 1961 das Abitur. Es gab noch Aufnahmeprüfungen für die Oberschule. Die prüfenden LehrerInnen kamen am Schluss der Prüfungswoche zu meinen Eltern und sagten, es wäre sinnvoller, die Zwillinge noch ein Jahr warten zu lassen. Meine Eltern haben sich aber nicht an diesen Ratschlag gehalten. Unsere Noten waren nicht sonderlich gut. Ich bekam in der Mittelstufe dreimal den sogenannten blauen Brief. Nur in Sport hatte ich im Abitur ein sehr gut, in Mathe und Latein dafür ein 4 minus.

Die Lehrer nervten eher, als dass ich von ihnen beeindruckt war. Ihre Didaktik und Methodik war in vielerlei Hinsicht antiquiert. Die jüngeren Lehrer gaben sich mehr Mühe, hatten aber auch damals schon Mühen, uns zu disziplinieren. Noch im Zeugnis der 11. Klasse stand unter „Bemerkungen“ – natürlich für die Zwillinge gleichlautend - „neigt zu undisziplinierter Mitarbeit“. Meine Mutter fragte dann nach, was damit wohl gemeint sei. Die Antwort: „Die Zwillinge liefern aktive Beiträge, aber sie quatschen dazwischen und halten sich nicht immer an die Spielregeln.“

Ich hatte einen einzigen Lehrer, den ich voll und ganz respektierte: Oberstudienrat Hennig, Lehrer für Latein und Geschichte. (Erst sehr viel später habe ich erfahren, dass er vor dem Zweiten Weltkrieg bei Theodor Litt in Leipzig studiert hatte, dann aber durch die Kriegsereignisse nicht mehr dazu gekommen ist, bei ihm zu promovieren.)

Mit einigen Mitschülern gründeten wir eine „Polit-AG“ und beschäftigten uns – erstmalig im Ort – mit dem Verbleib der bis 1933/45 in Westerstede wohnenden Juden. Diese Arbeit war mit ein Anlass dafür, dass ich gleich nach dem Ersten Examen in die GEW und in die SPD eintrat. Die SPD habe ich in der Studentenrevolte wieder verlassen – genauer: ich habe die Zahlung von Mitgliedsbeiträgen eingestellt. 1978 bin ich wieder eingetreten. Seither besitze ich zwei SPD-Parteibücher.

Der Kunstunterricht hat meinen Zwillingsbruder und mich immer interessiert. Deshalb wurden wir auch zwei- oder dreimal im Herbst vom Kunsterzieher Linke ausgewählt, um vierzehn Tage lang ganz vom Unterricht befreit zu werden und die Kulissen für das jährlich stattfindende Theaterstück der Oberschule zusammen zu bauen. Ich erinnere mich insbesondere daran, als Siebt- oder Achtklässler beim „Sommernachtstraum“ von Shakespeare diese Arbeit übernommen zu haben. Ich gehe bis heute gern in Museen. Der Geigenunterricht, den ich vier Jahre lang genossen habe, hat nichts gefruchtet. Die Pflicht, in der zweiten Reihe der Zweiten Geigen im Schulorchester mitzuspielen, war für den Dirigenten wie für mich eine Strapaze. Die vielen Zeichnungen in meinen Büchern stammen zur Hälfte von Karsten Friedrichs, der Anfang der 80er Jahre Wissenschaftliche Hilfskraft für meine Vorlesung „Unterrichtsmethoden“ war und nun schon seit langem Studienrat mit dem Fach Kunst an der Liebfrauenschule in Oldenburg ist. Die andere Hälfte stammt von mir. Meine Mutter ist sicherlich „schuld“ daran, dass ich keine Hemmungen habe, auch eher laienhafte Zeichnungen zu veröffentlichen.

6. Berufswahl

Ich stamme aus einer Lehrerfamilie.13 Die Entscheidung für den Lehrerberuf lag nahe. Sie fiel schon in der 10. Klasse. (Vorher das übliche: erst wollte ich Förster, dann Chemiker werden; die Erlenmeyer-Kolben sind mir – gefüllt mit Knallgas – wiederholt um die Ohren geflogen; als der Chemieunterricht in der Schule begann, erlosch mein Interesse an Chemie ruckartig.) Ein weiteres Motiv für die Berufswahl lag wohl darin, dass ich nach der Konfirmation sogenannter Kindergottesdiensthelfer geworden war und jeden Sonntag eine biblische Geschichte erzählen und derweil zwanzig zappelige sechs- bis 12jährige Knaben ruhig halten musste. Das hat mir Spaß gemacht. Nachwirkungen finden sich noch in meinem Praxisband zur „Unterrichtsmethodik“. Diese Berufsentscheidung hat nie gewackelt, ich erinnere mich aber, mir schon vor dem Abitur vorgenommen zu haben, nach dem PH-Studium noch einmal weiter zu studieren. Die Parallelen meines Berufswegs zu dem meines Vaters sind offensichtlich, auch wenn ich mich als Jugendlicher gern und heftig mit ihm gestritten habe.

7. Kirchliche Hochschule Bethel

Vom Sommersemester 1961 bis zum Wintersemester 1961/62 studierte ich an der Kirchlichen Hochschule in Bethel bei Bielefeld und machte dort das von einer staatlichen Kommission abgenommene Graecum. Zeitgleich war ich als Gasthörer an der Pädagogischen Hochschule Bielefeld eingeschrieben.14 Meine Kommilitonen in Bethel fanden es merkwürdig, dass ich Griechisch lernte, um Volksschullehrer zu werden. Als ich mich mal verplapperte und sagte, ich könnte mir vorstellen, später an einer Pädagogischen Hochschule zu lehren, haben sie mich ausgelacht. So habe ich gelernt, dass „Professor“ kein mitteilungsfähiger Berufswunsch ist, habe aber nie die Idee aufgegeben, dass es sich um einen attraktiven Arbeitsplatz handle.

8. Pädagogische Hochschule Oldenburg

Vom Sommersemester 1962 bis zum Sommersemester 1964 studierte ich fünf Semester lang an der Pädagogischen Hochschule in Oldenburg und bestand dort das „Erste Examen für Lehrer an Volksschulen“ mit einer Abschlussarbeit über "Das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Schleiermachers Begriff der Erziehung".15 Die Arbeit wurde von Werner Loch betreut. Zweitgutachter war Herwig Blankertz. Letztgenannter war damals für vier Semester der Philosoph unserer PH. Es gingen nur wenige Studierende in seine Veranstaltungen über Descartes, Kant und andere Themen. Ich war einer der wenigen. Das war mich ein riesiger Glücksfall. Er hat alle entscheidenden Weichen für meinem wissenschaftlichen Werdegang gestellt.

Lebhaft habe ich noch in Erinnerung, dass der damalige AstA der PH Oldenburg 1963 – also kurz nach dem Mauerbau – eine Einladung der FDJ-Hochschulgruppe der Humboldt-Universität in Ostberlin/DDR annahm.16 Ich konnte mitfahren. Werner Loch und Hans-Jochen Gamm, damals die Inhaber der zwei Professuren für Allgemeine Pädagogik an unserer Hochschule, fuhren ebenfalls mit. Hans Jochen Gamm hielt einen mutigen Vortrag zur Schulpolitik.17 Die Reise war für uns sehr spannend. Wir schauten uns die Polytechnische Bildung in einem Elektrobetrieb an, dieskutierten mit Lehrern, wir erlebten einen der letzten öffentlichen Auftritte von Wolf Biermann in der DDR und sprachen mit wichtigen Leuten, auch kurz mit dem Außenminister Bolz.18

Besonders beeinflusst hat mich in meiner beruflichen Entwicklung das sogenannte Landschulpraktikum, das ich im Sommer 1962 bei Ellen Riggert an der zweiklassigen Volksschule in Arle/Ostfriesland absolviert habe. Ellen: „Als Lehrer musst du erstmal lernen, deine Waffen im Spind zu lassen.“ Ellen vertrat und realisierte in ihrem Unterricht reformpädagogische Ideen, die sie an der PH Hannover kennen gelernt hatte. Ich war beeindruckt von der Methodenkompetenz der „Landkinder“, die kaum Hochdeutsch sprachen.

Im Nachhinein beurteile ich die an der PH Oldenburg erfahrene Ausbildung sehr positiv. Wir hatten engagierte Professoren, die zum Teil bundesweit einen guten Namen hatten (Loch, Gamm, Erwin Schwartz, Reinhard Pfennig, Ulrich Günther, Hartmut Sellin, Heinrich Besuden, Ernst Kelle u.a.). Wir wurden in den Praktika sehr gut betreut.

9. Volksschullehrer im Ammerland

Vom 1.8.1964 bis zum 1.4.1967 war ich Lehrer zur Anstellung an der Volksschule Ocholt im Landkreis Ammerland. (Ein Referendariat gab es damals noch nicht. Ich musste vom ersten Tag an eine Klasse übernehmen und 30 Wochenstunden geben.) Das Anfangsgehalt betrug 530 DM – damals viel Geld. Ich hatten jeden Monat mindestens hundertfünzig DM übrig und kaufte mir z.B. eine Radierung des Tachisten WOLS (Wolfgang Schulz), eine von Poliakoff, eine von Meckseper. Ich gab Unterricht in allen Jahrgangsstufen, der Schwerpunkt lag aber in der Grundschule. Ich begleitete eine zweite Klasse für knapp drei Schuljahre. Eigentlich war dringend ein Lehrer für die erste Klasse gesucht worden, aber mein Schulleiter, Herr Grummer, sagte: „Für einen Anfänger ist eine erste Klasse zu schwierig.“

Am ersten Tag kam ich leicht angespannt in meine Klasse. Vor der Tür stand die Schülerin Carola Wöbken. Sie begrüßte mich und sagte: „Ich heiße Carola. Ich helfe dir.“ Was dann auch der Fall war. Ich hatte gut anderthalb Jahre lang erhebliche Disziplinprobleme. Die Schülerin Annegret Hemmieoltmanns meldete sich nach 14 Tagen, als es wieder recht unruhig geworden war, und sagte: „Du ich weiß was, Herr Meyer: Immer wenn du redest, sind wir still und wenn wir reden, bist du still.“ Meine Kollegin Irmtraud Berg gab mir einen offensichtlich zutreffenden Hinweis: „Die Unruhe in der Klasse kommt nicht von den Schülern, sie kommt von dir selbst.“ Das Unterrichten hat mir immer aber immer viel Spaß gemacht. Ich gab viel Gruppenunterricht, ich habe immer wieder kleine Experimente gemacht. Ich habe den damals in Mode gekommenen „programmierten Unterricht“ mit selbst gebastelten Miniprogrammen ausprobiert. Alle Schüler mussten die Deutsch- und die Mathehefte doppelt anschaffen, damit ich jeden Tag alle Hausaufgaben kontrollieren konnte.

Im Nachhinein habe ich erkannt, in Ocholt in weiten Bereichen das praktiziert zu haben, was ich 1980 als „Handlungsorientierten Unterricht“ bezeichnet habe. Wir hatten sehr gute räumliche Voraussetzungen dafür. Ich konnte einen Nebenraum nutzen, um ein großes Modell des Dorfes mit den Kindern aufzubauen. Ich war oft mit der Klasse im Dort unterwegs. Wir hatten unsere „Moosstelle“ im Wald gegenüber der Schule, wo Geschichten erzählt und Wochenenden eingeleitet wurden. Vom Klassenzimmer zur wenig benutzten Turnhalle waren es dreißig Meter. Deshalb konnte ich, wenn die Klasse unruhig wurde, schnell rübergehen und zehn Minuten lang Völkerball spielen oder eine Bewegungsübung machen. Nach zwei Jahren waren alle Schüler meiner 4. Klasse in der Lage, die Klettertaue in der Turnhalle fast bis nach oben hoch zu klettern.

Ich habe die Direktheit und Ehrlichkeit der Grundschüler genossen. Einmal kam eine Mutter und sagte: „Sie müssen den Rolf mehr prügeln. Mein Mann ist Eisenbahner und oft die Woche über weg. Und ich kann das nicht.“ (Ein einziges Mal bekam Rolf von mir eine Ohrfeige, als ich in dem Moment neben ihm stand, als er ohne Vorwarnung seinem Nachbarn mit der Faust ins Gesicht schlug.) An einem anderen Tag kam in der Pause die Schülerin Elisabeth zum Pult, druckste herum und sagte: „Du, Herr Meyer, meine Mutter sagte, ich soll dir das ja nicht sagen, aber ich sag’s dir doch: Wir hätten wohl eine Frau für dich. Meine Kousine. Die ist achtzehn. Die kannst du haben.“

Im Januar 1967 machte ich mit 44 Schülerinnen und Schülern das Zweite Examen für Lehrer an Volksschulen. Mein Lieblingsfach war der Sachunterricht – nach dem Ende der „Heimatkunde“ ein curricular noch sehr wenig besetztes Feld. Ich konnte viel experimentieren. Die Examensarbeit hatte das Thema "Das didaktische Problem der Verfrühung im Sachunterricht", in Kurzfassung veröffentlicht in der Zeitschrift "Bildung und Erziehung",1968; nachgedruckt u.a. in meinem Band „Türklinkendidaktik“. Deshalb habe ich systematisch allerlei Lehrinhalte ausprobiert, die gemäß Richtlinienvorgaben verboten waren. Ich erinnere mich noch gut an den Examenstag. Die dritte von mir gehaltene Stunde (Sachunterricht) dauerte zwanzig Minuten länger als geplant, weil die SchülerInnen einfach nicht auf die Idee kamen, woran es liegen könnte, dass die Säule im Thermometer ansteigt, wenn das Thermometer in kochendes Wasser gesteckt wird. Kommentar des mitprüfenden Hochschullehrers Hans-Jochen Gamm: „Herr Meyer hat uns unplanmäßig zum Sieden gebracht.“

Am 1.2.1967 wurde ich zum Beamten im Schuldienst des Landes Niedersachsen ernannt und zwei Monate später (31.3.67) wieder entlassen.19 Die SchülerInnen meiner damals fünften Klasse waren traurig. Am Tag nach dem Examen (und der anstrengenden Examensfeier, die keine Unterrichtsvorbereitung mehr zuließ) mussten sie einen Aufsatz über den Prüfungstag schreiben. Elke wusste, dass ich nach bestandener Prüfung die Schule verlassen würde und schrieb: „Leider hat Herr Meyer die Prüfung bestanden.“

Die drei Jahre in Ocholt haben mich sicherlich auch in meiner Hochschullehre deutlich geprägt. Ich habe gelernt, dass Unterrichten viel persönliche Befriedigung bringen kann, dass anfängliche Probleme überwunden werden können und dass man ohne klare Strukturierung (Merkmal 1 aus meinem Buch „Was ist guter Unterricht?) viele Chancen für produktives Lernen vergibt.

10. Just in time – Studium an der Freien Universität Berlin

Im Sommersemester 1967 (bis zum Wintersemester 1968/69) habe ich an der Freien Universität Berlin ein Promotionsstudium mit dem Hauptfach Erziehungswissenschaft und den Nebenfächern Philosophie und Geschichte begonnen.20 Dazu war ich von Herwg Blankertz eingeladen worden. Er gab mir eine Wissenschaftliche Hilfskraftstelle am Institut für Wirtschaftspädagogik. Dort lernte ich Frank Achtenhagen und Adolf Kell kennen. Mit Frank habe ich dann meine erste Buchpublikation gemacht („Curriculumrevision – Möglichkeiten und Grenzen“ 1971).

Im Sommersemester 1967 begann auf dem Campus der FU die bald ganz Westdeutschland erfassende Studentenrevolte. Ich kam vom flachen Land und schaute mit großen Augen dem Treiben der Studierenden – von Rudi Dutschke bis Rainer Langhans – zu. Ich versuchte, Adorno, Marx und Habermas zu lesen und zu verstehen. Das war schwere Kost für mich. Ich genoss es, wichtige Personen life bei Auftritten im Audimax des Henry Ford-Baus in Dahlem zu hören: Theodor Adorno, Herbert Marcuse und andere mehr. Ich erinnere mich, dass wir Studierenden einen Rentner hofierten. Er hieß „der rote Rudi“ und hatte irgendwann einmal Lenin die Hand geschüttelt. Hier lernte ich handgreiflich, dass zwischen dem eigenen Erleben und der Berichterstattung in den Zeitungen Welten liegen.

Die Verknüpfung des Studiums mit studentischer Agitation hat mir Spaß gemacht und meine Eltern in Sorge versetzt. Ich ließ keine Großdemonstration aus – auch nicht die gegen den Schah von Persien, bei der Benno Ohnesorg erschossen wurde. Ich verteilte unter Anleitung von Hansjürgen Otto Flugblätter und hörte bei allen Veranstaltungen, z.B. dem großen Anti-Vietnamkriegs-Kongress 1968 in der TU Berlin, aufmerksam zu. Wurde in der Innenstadt demonstriert, nahm ich teil, schaute aber erst mal nach, wo die Wasserwerfer der Polizei aufgefahren waren. Dann stellte ich mich auf der gegenüberliegenden Seite auf, so dass mein Fluchtweg sicher war. Ein einziges mal hatte ich „Feindberührung“. Beim Versuch der Studenten, die Auslieferung der Springerpresse vor dem Axel-Cäsar-Springer-Hochhaus zu verhindern, riss mir ein Polizist einen Knopf vom Mantel. Meine Doktormutter Gisela Blankertz half, ihn wieder anzunähen.

11. Heirat

Am 27.12.1969 habe ich Christa Konukiewitz, eine meiner KommilitonInnen von der Pädagogischen Hochschule Oldenburg, geheiratet. Ich hab’s nie bereut. Wir haben 4 Kinder, von denen keines Lehrer oder Lehrerin geworden ist. Die Vorfahren meiner Frau kommen aus Ostfriesland. Deshalb haben wir die ostfriesischen Namen Onno, Gesa, Tiedo und Tale für sie gewählt. Christa hat mir geduldig den Rücken frei gehalten und wesentlich dazu beigetragen, dass ich sehr viel Zeit in meine Berufsarbeit investieren konnte.

Jedes Jahr fuhren wir mit allen Kindern, mit Schwiegereltern, Zwillingsfamilie, Mutter, Schwester und weiteren Studienfreunden in das Dorf Klitmoller in Jütland/Dänemark und machten dort 4 Wochen Urlaub – handlungsorientiert, d.h. mit großen Schnitzeljagden, mit Kasperletheater in einer aus Strandgutholz zusammengehämmerten Kinderbude. Dieses Jahr fahren wir das 35. Mal dorthin. Inzwischen schauen einige der Kinder und Partner dann wieder vorbei.

Meine Frau war Lehrerin, ist aber in den Zeiten der hohen Lehrerarbeitslosigkeit nicht wieder in den Schuldienst gekommen. Seit 18 Jahren arbeitet sie als Organistin und Chorleiterin auf einer viertel Stelle. Sie engagiert sich in der ökumenischen Friedensbewegung und sie hat eine Spezialkompetenz: Sie backt sehr leckere ökologische Pizza. Deshalb haben wir seit 25 Jahren jedes Semester ein Seminar zum Pizzaessen zu uns nach Hause eingeladen.

12. Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Ab Sommersemester 1969 habe ich das Promotionsstudiums an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster fortgesetzt, weil mein Doktorvater Herwig Blankertz einen Ruf an diese Hochschule angenommen hatte.

Im Februar 1970 legte ich in Münster die Magister-Prüfung in den Fächern Erziehungswissenschaft, Philosophie und Geschichte ab. Die Magisterarbeit hatte das Thema "Die didaktische Konzeption der Pariser 'Ecole Polytechnique' während der Französischen Revolution". Spuren dieser Arbeit finden sich in Herwig Blankertz' Buch "Bildung im Zeitalter der großen Industrie" (1969). Die Magisterprüfung wurde im Geschwindtempo absolviert, weil ich die Stelle eines Wissenschaftlichen Assistenten an der Universität Münster erhalten sollte, aber das PH-Examen nicht als Voraussetzung akzeptiert wurde. (Die Gründe für diese Diskriminierung habe ich damals und auch heute noch nicht akzeptiert.) Vom März 1971 bis März 1972 war ich dann Wissenschaftlicher Assistent am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Münster.

13. Promotion

Im Februar 1972 wurde ich an der Philosophischen Fakultät der WWU im Fach Erziehungswissenschaft (Nebenfächer Philosophie und Geschichte) mit einer Dissertation zum Thema "Das Deduktionsproblem in der Curriculumforschung" promoviert.21 Erstgutachter war Herwig Blankertz, Zweitgutachter Willi Oelmüller; veröffentlicht wurde die Arbeit unter dem generalisierten Titel "Einführung in die Curriculummethodologie" (München 1972).22

Diese Arbeit prägt meine Haltung zum Theorie-Praxis-Problem der Erziehungswissenschaft bis heute. Ich wollte das Deduktionsproblem unbedingt lösen, erkannte aber nach zwei Jahren Arbeit, dass es nicht lösbar ist. Seither ist mir bewusst, dass beim Kleinarbeiten von Normen und Prinzipien nicht nur hin und wieder, sondern grundsätzlich größere Spielräume bestehen, als die Mehrzahl der Autoren normativer Konzepte suggerieren möchte. Jede denkbare „Ableitung“ muss kommunikativ, also mit hermeneutischen Methoden bearbeitet und plausibel gemacht werden. Deshalb bin ich bis heute skeptisch gegenüber didaktischen Modellen, die sich nur auf der Theorieebene bewegen. Im Schlusskapitel meiner Dissertation steht, dass das ungelöste Deduktionsproblem auch für eine „Partisanenstrategie“ genutzt werden könne, die dann darin bestünde, dass die Verfechter einer neuen Praxis ganz bewusst andere (bravere) normative Begründungen abliefern als der innovative Inhalt nahe legt. Das ist von der damaligen CDU-Opposition in NRW scharf kritisiert und bis in eine Landtagsdebatte getragen worden.

14. Mein Doktorvater Herwig Blankertz

Herwig Blankertz spielte in meinem wissenschaftlichen Werdegang die entscheidende Rolle. Er hat mich gefordert und gefördert wie niemand sonst. Er ist bis heute mein Vorbild, was die Wahrnehmung der Hochschullehrerrolle angeht, auch wenn ich mich im Blick auf die theoretische und bildungspolitische Wirksamkeit in keiner Wiese mit ihm messen kann und will. Herwig Blankertz verstand es, sehr unterschiedliche Mitarbeiter für gemeinsame Vorhaben zu begeistern.23 Er war damals die entscheidende Figur an unserem Münsteraner Institut. Und auch in der Schulpolitik des Landes NRW spielte er eine zunehmend wichtige Rolle. Er war Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Er hatte maßgeblichen Einfluss auf die von seinem Schüler, meinem Mitdoktorsanden Dieter Lenzen herausgegebene Enzyklopädie Erziehungswissenschaft.

Nach außen wirkte er stark, aber er war keine Frohnatur, sondern ein zerbrechlicher Mensch. Er hat gelitten, wenn er widersprüchliche Entwicklungen in Schule und Hochschule nicht mehr steuern konnte. Er fühlte sich Willi Brandts Forderung „Demokratie wagen“ verpflichtet. Er führte als Münsteraner Dekan die Drittelparität ein und sorgte dafür, dass ein Student Prodekan wurde.

Herwig Blankertz hatte als jugendlicher Pimpf im Jahr 1944 in der Hasenheide in Berlin der Goebbels-Rede zugehört und mitgegrölt, als Goebbels fragte: „Wollt Ihr den totalen Krieg?“ Am Kriegsende wurde er eingezogen und hat dann noch versucht, bei Cottbus mit der Panzerfaust in der Hand einen amerikanischen Panzer aufzuhalten. Das misslang. Stattdessen wurde er vom Panzer überfahren und blieb schwer verletzt liegen. Die Erfahrung der Nazi-Diktatur hat ihn tief geprägt. Als ich 1976 oder 1977 eine Abrüstungsinitiative von Lutz van Dijk und anderen „Pädagogen gegen Rüstungswahn“ mit unterzeichnet hatte, schrieb Herwig mir einen Brief, ich möge die Unterschrift zurückziehen24, weil ohne Verteidigung Demokratie nicht überleben könne – eine damals wenig populäre Position. Sein letzter großer Vortrag hatte das Thema „Kants Idee des ewigen Friedens“. 1983 starb Herwig Blankertz viel zu früh an den Folgen eines Verkehrsunfalls.25

15. Kollegschulversuch Nordrhein-Westfalen

Vom April 1972 bis zum Februar 1975 war ich zuerst aus der Assistentenstelle abgeordnet und dann Wissenschaftlicher Angestellter des Nordrhein-westfälischen Kultusministers. Ich war damit beauftragt, in der Wissenschaftlichen Begleitung des Schulversuchs Kollegschule mitzuarbeiten. Dabei ging es darum, die gymnasialen Oberstufen mit den Berufsbildenden Schulen zu einer völlig neuen Form der Sekundarstufen-II-Schule zu verschmelzen. Meine Arbeitsfelder waren die Betreuung mehrerer Curriculumentwicklungs-Teams und die handlungsorientierte Evaluation des Modellversuchs. Wir waren eine aktive junge Mannschaft (Adolf Kell, Günter Kutscha, Dieter Lenzen, Karl-Heinz Fingerle, Andreas Gruschka u.a.) und lernten unter Herwig Blankertz’ Anleitung, dass die Implementation eines neuen Schultyps sehr viel schwieriger und anspruchsvoller als das Ausdenken des Konzepts dafür war. Hier entstand auch mein erstes Buch mit höherer Auflage, das "Trainingsprogramm zur Lernzielanalyse" (1974), ein Nebenprodukt unserer Betreuung der Curriculumkommissionen des Schulversuchs.

16. Eine Professur in Oldenburg- was willst du mehr?

Die erste Professorenstelle, auf die ich mich beworben habe, habe ich auch bekommen.26 Ich war damals 34 Jahre alt und erinnere mich, ein wenig Angst vor der eigenen Courage gehabt zu haben und mir vorgenommen zu haben, drei Jahre lang „auf Probe“ die Professur wahrzunehmen, um dann zu entscheiden, ob ich dem Amt auf Dauer gewachsen sei oder nicht. Dass ich gleich die erste Stelle bekommen habe, lag auch daran, dass in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts auf einen Schlag in Westdeutschland gut 30 neue Universitäten und Hochschulen mit Lehrerbildungs-Studiengängen gegründet wurden, so dass junge NachwuchswissenschaftlerInnen sehr gute Chancen hatten.27 Schon zwei Jahre später war die Situation deutlich schwieriger. Was unter "Schulpädagogik" zu verstehen sei, war mir bei der Übernahme dieser Professur eher unklar; ich sondierte im Gespräch mit Hans-Dietrich Raapke, ob eine Umdenomination meiner Stelle in „Allgemeine Didaktik“ möglich sei. Hans-Dietrich bat mich, auf einen Antrag zu verzichten, weil dies viele weitere KollegInnen motivieren könnte, ebenfalls einen Antrag zu stellen und sich in der Lehre auf spezielle Interessengebiete zu beschränken.

Die Lehrstuhlausstattung bestand aus einem leeren Zimmer, einem Papierkorb, einem Schreibetui, Locher und Hefter.28 Eine eigene Assistentin/einen Assistenten habe ich nie gehabt. Das war nicht zwangsläufig ein Nachteil. Es zwang mich, Kooperationspartner auf freiwilliger Basis zu suchen.

Vom Februar 1975 bis zum Sommersemester 1985 habe ich am Aufbau, an der Durchführung und an der Evaluation des Oldenburger Modellversuchs zur Einphasigen Lehrerausbildung (ELAB) mitgearbeitet. Ich habe an großen Lehrerbildungsprojekten unserer Universität mitgewirkt. Ich habe mich schrittweise in die Schwerpunkte "Allgemeine Didaktik" (seit 1975), "Unterrichtsmethodik" (seit 1982) und "Schulentwicklung" (seit 1992) eingearbeitet.

Der Modellversuch wurde 1976 nach dem Regierungswechsel von der SPD zur CDU abgebrochen (obwohl er kostenneutral war und in mehreren Gutachten positiv evaluiert wurde), lief dann aber noch eine Reihe von Jahren weiter, weil die immatrikulierten Studierenden einen Rechtsanspruch auf den Abschluss ihres Studiums hatten. Bis heute ist die Einphasige LehrerInnenbildung für mich ein zukunftsweisendes, keineswegs utopisches, sondern mit gewissen Modifikationen realisierbares Modell für die LehrerInnenbildung des 21. Jahrhunderts.

Besonders wichtig und zufriedenstellend war mir immer die Zusammenarbeit mit dem Leiter des Zentrums für pädagogische Berufspraxis, Detlef Spindler. Er hat eine sehr hohe sozialkommunikative Kompetenz und hat es immer wieder verstanden, höchst unterschiedliche Kolleginnen und Kollegen zu produktiver Arbeit zusammen zu bringen.

Im Jahr 1991 wurde ich aufgefordert, mich auf die Professur für Schulpädagogik an der Humboldt-Universität Berlin zu bewerben. Gute Chancen wurden mir über den Wissenschaftssenator signalisiert. Ich habe kurz geschwankt, ob ich auf diese Anfrage eingehen solle, bin dann aber doch in Oldenburg geblieben – schon deshalb, weil meine Frau und die Kinder erklärten, dass sie auf jeden Fall in Oldenburg bleiben wollten.

Workoholic? Ich arbeite gern und viel. „Viel“ heißt, dass ich die Woche durch bis Sonntagabend arbeite, dann aber um 19 Uhr schluss mache, um einen Pflichttermin wahrzunehmen, den „Tatort“ im ARD-Fernsehen. Heilig sind außerdem die einmal jede Woche genossenen drei Stunden Sauna im Bürgerfelder Turnerbund. Ich mache drei Wochen Urlaub im Jahr, nehme aber immer Examensarbeiten, Promotionen in den Urlaub mit. Einige Freunde behaupten, ich sei ein Workoholic. Dem widerspreche ich, weil ich mich nicht süchtig fühle, weil die Arbeit anderen nützt undweil ich meine „Krankheit“ nicht verheimliche. Arbeiten dient, wie schon Karl Marx geschrieben hat, der Selbstverwirklichung. Und Theodor Adorno hat irgendwo einmal angemerkt, Professoren bräuchten keinen Urlaub, weil sie ihren Arbeitsplatz sehr selbstständig gestalten können. Dem stimme ich zu. Das viele Urlaubmachen ist eine ganz junge Erfindung; meine Eltern, meine Großeltern und ihre Vorfahren machten überhaupt keinen Urlaub.

17. Arbeitsstelle Schulreform und BLK-Modellversuch

Seit 1992 habe ich die Wissenschaftliche Leitung der "Arbeitsstelle Schulreform" (AS) am Zentrum für pädagogische Berufspraxis der Universität Oldenburg inne - eine Einrichtung des Kultusministeriums, mit der die Schulentwicklung der Region unterstützt und Modelle zur Evaluation erprobt werden sollten. An die AS sind z.Zt. vier LehrerInnen der Region mit 4 bis 8 Stunden abgeordnet. Zu den Aktivitäten zählen u.a. die Einrichtung von Lernwerkstätten, die Beteiligung an schulinterner Lehrerfortbildung (SchiLF), die Schortenser Schulmanagement-Tagungen, die Einrichtung von festen Gesprächskreisen mit LehrerInnen der Region zu Unterrichts- und Schulentwicklungsfragen. Die Leitungsaufgabe habe ich nie so verstanden, dass ich die Richtschnur vorgebe. Wichtiger war, dass die abgeordneten LehrerInnen ihre Stärken einbringen und weiter entfalten konnten. Ich habe insbesondere die Zusammenarbeit mit Ina Ulrich und Christel Wopp genossen.

Von 2003 bis 2005 haben Hanna Kiper, Wolfgang Mische, Detlef Spindler und Franz Wester im Auftrag des Niedersächsischen Kultusministers das „Oldenburger Konzept zur Qualitätsentwicklung in Unterricht und Schule“ entwickelt und praktisch erprobt. Die Zusammenarbeit hat mir Spaß gemacht und mich vorangebracht.

18. DDR-Kontakte und Wiedervereinigung

Seit 1984 hatte ich intensive Kontakte zu einigen Erziehungswissenschaftlern der DDR – allen voran zu Lothar Klingberg aus Potsdam, dann – von Lothar vermittelt – zu Edgar Rausch in Leipzip und zu Elisabeth Fuhrmann von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften in Berlin.

Im ersten Brief schrieb Lothar Klingberg, dass er angenehm überrascht sei, dass ich in meinem „Leitfaden“ auf die bei Westdeutschen übliche Häme gegen DDR-Pädagogen verzichtet hätte. 1986 empfahl er seinem Freund Edgar Rausch, mich nach Leipzip zu einem Vortrag einzuladen. Das dauerte dann aber noch drei Jahre, weil ihn die StaSi – vermittelt über den Direktor für Internationales seiner Hochschule - mehrfach zwang, die schon ausgesprochene Einladung zurückzunehmen. Im Februar 1989 war ich dann der erste westdeutsche Gastredner an der Clara Zetkin-Hochschule Leipzig (in den schönen bauhausnahen Gebäuden in der Karl-Heine-Straße). Eine spannende Veranstaltung – aber es war für mich noch an keiner Stelle zu spüren, dass das Ende der DDR sehr nahe war und dass die Leipziger einen erheblichen Anteil daran haben würden.

Am Tag der Wiedervereinigung, dem 3.10.1990, war PÄDAGOGISCHE WOCHE an der Uni Oldenburg. Wir hatten viele DDR-KollegInnen als Referenten eingeladen. Elisabeth Fuhrmann hielt eine Rede in der Aula. Am Abend vorher hatte ich diese KollegInnen (aus Rostock, Berlin, Leipzig und Magdeburg, Regine Pauls, Ralf Hickethier und andere mehr) zu mir nach Hause geladen, um meinen Geburtstag zu feiern. Wir haben aus Silvester-Wunderkerzen, Wachs, Uhu und Ladykrachern eine „Rakete“ gebaut und abends um 11 Uhr angezündet. Links auf der Rakete prangte die Flagge des Warschauer Pakts, rechts die der Nato. Beide verbrannten. Aber um 23.45 Uhr verabschiedete sich plötzlich drei Viertel unserer Gäste. Die Wehmut war wohl doch zu stark, als dass sie mit lautem Hurra und einem Glas Sekt das Ende der DDR mit uns hätten feiern wollen.

19. Oldenburger Teamforschung

Als Oldenburger Teamforschung bezeichnen wir eine Weiterentwicklung der von Herbert Altrichter und Peter Posch für den deutschsprachigen Raum aufgebauten Aktionsforschung (practitioner research). Herbert war wiederholt in Oldenburg und hat uns geduldig gezeigt, wie man’s macht. Während die Österreicher einzelne Lehrerinnen und Lehrer ihre eigene Unterrichtspraxis erforschen lassen, haben wir in Oldenburg von Beginn an Teams gebildet, in denen Studierende gemeinsam mit je einer Lehrerin/einem Lehrer ein wichtiges Unterrichtsproblem oder eine Schulentwicklungs-Aufgabe untersuchen.

l994 wurde aufgrund einer studentischen Initiative (Carola Junghans, Andreas Feindt, Bettina Kappelhoff, Anne Eckermann u.a.) gemeinsam mit Wolfgang Fichten und Alexandra Obolenski die Forschungswerkstatt "Schule und LehrerInnenbildung" gegründet – ein joint venture zwischen dem Fachbereich 1 und dem DIZ. Dort haben wir das Konzept der Oldenburger Teamforschung entwickelt und erprobt, das dann von 2000 bis 2005 in einem Modellversuchs der Bund-Länder-Kommission für Bildung und Forschungsplanung unter dem Titel „Lebenslanges Forschendes Lernen im Kooperationsverbund Schule, Seminar und Universität“ weiter ausgebaut wurde. Ein Abschlussbericht und eine Monografie zum Thema sind in Vorbereitung.

Die Seele dieses Vorhabens war und ist Wolfgang Fichten. Weitere Mitglieder unseres Moderationsteams waren und sind Carola Junghans, Ulf Gebken, Ela Eckert, Uta Wagener und Ute Warm. Die Arbeit im Team hat uns viel Spaß gemacht.

20. Graduiertenkolleg „Didaktische Rekonstruktion“

Seit 2001 bin ich Mitglied des Oldenburger Graduierten-Kollegs „Didaktische Rekonstruktion“ - eine hoch interessante Initiative des Oldenburger Kollegen und Biologiedidaktikers Ulrich Kattmann. Ich bin begeistert von dieser Form der Promotionsförderung. Die erste Kohorte ist „durch“, auch wenn lange noch nicht alle PromovendInnen fertig sind. Vor einem Jahr haben wir die zweite Kohorte von DoktorandInnen eingestellt. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit der vielen verschiedenen Fach- und AllgemeindidaktikerInnen ist in meinen Augen vorbildlich. Auch wir Lehrenden lernen viel voneinander.

21. Hochschulbeauftragter für Prüfungsangelegenheiten der Lehrämter

Seit 12 Jahren bin ich – mit einer Unterbrechung von drei Jahren - Hochschulbeauftragter des Niedersächsischen Landesprüfungsamtes (früher NLPA, jetzt NiLS) an der Carl von Ossietzky Universität. Meine Aufgabe besteht darin, ombudsman für die Studierenden zu sein, strukturelle Weiterentwicklungen mit zu kanalisieren und alle übergreifenden Fragen gemeinsam mit dem Leiter der Außenstelle des NiLS zu bearbeiten. Dieses Amt ist – insbesondere seit Erfindung des emailing – eine arbeitsaufwendige Sache. Täglich erhalte ich Anfragen zu allen möglichen Problemen. Hin und wieder spreche ich dann mit KollegInnen über deren Prüfungspraxis, was nicht immer mit Begeisterung aufgenommen wird.

22. Veröffentlichungen

Ich habe deutlich weniger veröffentlicht als mehrere meiner Oldenburger KollegInnen. Aber ich habe mich auf Bücher konzentriert, die jeweils einen sehr breiten Adressatenkreis hatten und haben. 29 Die Gesamtauflage der Bücher bewegt sich heute bei 950000. Bis zur Emeritierung dürfte die Million voll sein. (Nur die zwei Bände zur Schulpädagogik laufen schlecht.30 In den letzten Jahren mehren sich die Übersetzungen in fremde Sprachen – von Japan bis Schweden, aber nie ins Englische. Bis auf die Dissertation sind alle meine Bücher aus konkreten Lehr-Lernzusammenhängen entstanden. Das erklärt zum Teil, warum viele Leser die hohe Verständlichkeit der Texte loben.31 Natürlich gibt es auch einige Kritik. Wolfgang Klafki sagte mir einmal, dass er meine Bücher wiederholt gegen Attacken von Kollegen verteidigt habe.

„Leitfaden zur Unterrichtsvorbereitung“ (1980): Vorläufer dieses Buches war ein kurzer, gemeinsam mit Ingo Scheller geschriebener Text zur Vorbereitung von Projektunterricht, den wir für das Projekt „Schülerorientierter Projektunterricht als schulnahe Projektarbeit“ (SPASC) geschrieben hatten. Die universitätsintern vom damaligen Zentrum für pädagogische Berufspraxis veröffentliche Vorfassung war von Kollegen an vier Verlage weitergespielt worden: an den Klett-Verlag, an Westermann, an Urban & Schwarzenberg und Scriptor. Alle wollten drucken. Ich habe dann den Redakteuren einen gemeinsamen Brief geschrieben und erklärt, dass ich jenem Verlag die Rechte geben werde, der den niedrigsten Ladenendpreis bietet. Scriptor machte das Rennen. Seither bin ich mit dem damals zuständigen Redakteur und heutigen Verlagsleiter Horst Linder von CORNELSEN SCRIPTOR befreundet. Das Buch verkaufte sich sehr gut und zog langsam in die Seminare der Zweiten Phase ein. Im Vorwort der dritten oder vierten Auflage schrieb ich: „Aus der Auflagenhöhe der BILD-Zeitung folgere ich nicht auf die Qualität dieser Zeitung, wohl aber, dass sie ein Bedürfnis befriedigt.“

In dem Buch wurden Wolfgang Klafki, Gunter Otto und Wolfgang Schulz sowie Christine Möller als „Feiertagsdidaktiker“ kritisiert. Wolfgang Klafki konnte mit diesem Urteil eines jungen Spunds problemlos umgehen. Wolfgang Schulz war, wie er mir später sagte, richtig verärgert und hat einen ganzen Aufsatz geschrieben, um meine Attacken zurecht zu rücken.

Die bissigste Kritik, auch zu den Nachfolgebänden, kam und kommt auch von meinem Mitdoktoranden und eigenen Diplom-Pädagogik-Absolventen Andreas Gruschka (jetzt Hochschullehrer in Frankfurt/M.). Andreas schreibt, ich sei ein „Totengräber der Didaktik“ und fast so schlimm wie Heinz Klippert. Seine Begründung lautet, ich nähme den Lesern das eigene Denken ab und reformulierte nur mundgerecht, was diese eh in ihrem Erfahrungsschatz gespeichert hätten. Das sehe ich nicht so, auch wenn ich gern zugestehe, dass ein akademischer Disput über Gütekriterien von Ratgeberliteratur überfällig ist. Der sollte dann aber möglichst empirisch abgesichert werden und nicht nur der Reproduktion der eigenen „Negativen Pädagogik“ dienen.

Die universitätsinterne Vorausversion dieses Buches veranlasste den von mir ansonsten geschätzten damaligen Kultusminister Werner Remmers, den Rektor der Universität Oldenburg in einem durchaus ungewöhnlichen Erlass aufzufordern, dafür Sorge zu tragen, dass dieser Text nicht als verbindliche Grundlage für das Lehramtsstudium an der Universität Oldenburg dienen möge. Dies wies der Rektor, Rainer Krüger, mit dem Hinweis auf die Freiheit von Forschung und Lehre zurück. Auch im Landtag wurde über den „Leitfaden“ debattiert. Werner Remmers kritisierte den Text; Rolf Wernstedt, damals Abgeordneter und Bildungsfachmann für die SPD-Fraktion, verteidigte ihn. Ich traf Werner Remmers 1978 auf dem Kongress der DGfE und fragte ihn nach den Gründen. Er sagte: „Nehmen Sie das nicht zu persönlich; ich war da von mächtigen Gruppierungen abhängig.“32

„Unterrichtsmethoden“ (1987): Ich habe in diesen zwei Bänden versucht, die Theorie und die Praxis unterrichtsmethodischen Handelns zu systematisieren und an praktischen Beispielen zu erläutern. Zunächst registrierte ich, dass Autoren wie Wolfgang Klafki, Wolfgang Schulz oder Rainer Winkel in ihrer unterrichtsmethodischen Begrifflichkeit ungenau und unvollständig waren. Ich bekam dann Lothar Klingbergs „Einführung in die Allgemeine Didaktik“ in die Hände und war überrascht. Kein westdeutscher Allgemeindidaktiker war, was die Begriffsbildung und Systematisierung der Unterrichtsmethodik angeht, präziser. Deshalb wand ich mich an ihn um Rat und war sehr dankbar, dass er die Entstehung dieses Buches begleitete und viele Kapitel minutiös kommentiert und kritisiert hat. Daraus ist eine Freundschaft entstanden, für die ich bis heute dankbar bin.

„Didaktische Modelle“ (1991/2002): Gemeinsam mit dem Mannheimer Musikpädagogen Werner Jank, der in Oldenburg studierte und mit mir gemeinsam die Vorlesung „Allgemeine Didaktik“ hielt, haben wir versucht, für Studierende und Referendare einen Überblick über den damals aktuellen Stand der Didaktik zu liefern. Wir haben uns in der Konzeption stark an Herwig Blankertz’ „Theorien und Modelle der Didaktik“ (1969) angelehnt, dann aber durch neue Textsorten, durch Grafiken u.a.m. die Verständlichkeit zu erhöhen versucht. Vor fünf Jahren haben wir dieses Buch gründlich überarbeitet.

„Was ist guter Unterricht?“ (2004): In diesem Buch habe ich erstmalig mit größerer Intensität versucht, meine in der Ausbildungspraxis entwickelten Ideen zur Unterrichtsgestaltung mit dem aktuellen Stand der empirischen Unterrichtsforschung zu verknüpfen. Ich war und bin über die Resonanz überrascht. Offensichtlich sind es viele Lehrerinnen und Lehrer leid, immer nur auf PISA-Defizite hingewiesen zu werden. Sie schauen nach einem theoretischen und schulpraktischen Orientierungsrahmen. Dieses Buch bringt mir jede Woche drei bis vier Vortrags- und Fortbildungsanfragen ein, die ich beim besten Willen nicht alle befriedigen kann. Deshalb bin ich zur Zeit bis zum Herbst 2009 „ausgebucht“.

Ich fasse diesen Abschnitt zusammen: Ich habe mich immer primär als Hochschullehrer und nur sekundär als Forscher betrachtet. Ein wesentlicher Teil meiner wissenschaftlichen Arbeit hat darin bestanden, Lehrbücher für Studierende, ReferendarInnen und berufserfahrende LehrerInnen zu verfassen, in denen ich mich als Dolmetscher wichtiger und aktueller Entwicklungsfragen betätigt habe. Ich denke, dass ich mit meinen Veröffentlichungserfolgen diesen und jenen Kollegen auch vergrämt habe. Aber ich stehe zu der Wichtigkeit der Dolmetscher-Arbeit. Sie bringt die erziehungswissenschaftliche Theorieentwicklung nur wenig voran, aber sie erleichtert die Rezeption bei denen, auf die es ankommt, nämlich bei den Praktikern in der Schule.

23. Zusammenarbeit mit der IG Metall

Seit 12 Jahren bin ich – mit kurzen Unterbrechungen – jedes Jahr eine Woche lang bei der IG Metall tätig und mache dort einwöchige Fortbildungsveranstaltungen für die DozentInnen der fünf IG-Metall-Bildungsstätten – meistens in Sprockhövel, manchmal auch in Berlin-Pichelsee, Bad Lohr oder Bad Beverungen. Die KollegInnen dieser Schulen arbeiten hoch professionell. Die Seminare sind für mich jedes Mal eine Herausforderung. Ich nutze sie auch, um neue Fortbildungsthemen und –methoden zu erproben. Ich beabsichtige, im nächsten Jahr gemeinsam mit Lothar Wentzel vom Frankfurter IG-Metall-Vorstand eine „Didaktik der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit“ zu schreiben.

24. Promotionscolloquium und Reisekader

Seit 1975 habe ich in Oldenburg Promotionen und Habilitationen betreut, ich habe aber noch nicht gezählt, wie viele es sind. Es dürften zwei Dutzend sein. Zur Zeit führe ich das Promotionscolloquium gemeinsam mit Barbara Moschner. Seit zehn Jahren kooperiere ich mit Dr. Volker Wendt, einem meiner Doktoranden, der das Colloquium organisatorisch und inhaltlich betreut. Daraus ist eine feste Arbeitsbeziehung geworden. Wir betreuen DoktorandInnen im In- und Ausland und gestalten gemeinsam Vortrags- und Fortbildungsreisen (auf eigene Kosten):

- Im Jahr 1999 haben wir unseren Freund und Kollegen Nobuyuki Harada in Japan besucht. Damals war er Dozent für Erziehungswissenschaft in Kumamoto, inzwischen ist er Professor an der Uni in Gifu. Und auch in Gifu haben wir ihn zu einem Vortrag im Frühjahr 2006 besucht.

- Im Februar/März 2001 waren wir in Bolivien – zunächst an der Deutschen Schule in Santa Cruz, dann an der Deutschen Schule in La Paz, am Goetheinstitut in La Paz und bei unserer Doktorandin Barbara Heiß, die zum Thema "Integrationspädagogische Lehrerfortbildung in Bolivien“ arbeitet.

- Im März/April 2006 waren wir zu Vorträgen und Fortbildungen nach China eingeladen, und zwar an die East China Normal University in Shanghai, am Deutschdepartment der Universität Nanjing und an der erziehungswissenschaftliche Fakultät der Anhui Normal University in Wuhu/Provinz Hefei. Die letztgenannte Hochschule möchte mit unserer Oldenburger Fakultät eine dauerhafte Kooperation aufbauen. Wir haben uns verpflichtet, dabei mitzuwirken. Die vielfältigen Hospitationen in chinesischen Schulen waren für mich hoch interessant und irritierend zugleich. Den Chinesen gelingt es, mit einem stark lehrerzentrierten Unterricht mit hohem Tempo eine ebenso hohe Lernbereitschaft, ja Lernbegeisterung auszulösen, von der wir in Deutschland weit entfernt sind. Eine schlichte Imitation kommt für mich nicht in Frage, aber es bleibt die Frage, ob und wenn ja was wir bei uns falsch machen.

Im Jahr 1998 war ich – nicht mit Volker Wendt, sondern mit meiner Ehefrau – an das Beit Berl Teacher College in Israel eingeladen und als Gastdozent tätig. Ich habe Vorlesungen und Seminare mit israelischen und arabischen Studierenden; Fortbildung für Lehrkräfte des Beit Berl College und einen Vortrag für Lehrer der Kooperationsschulen des College gehalten. Zwei Jahre später war ich mit einer Delegation der Stadt Oldenburg in mehreren Kibuzz-Schulen im Norden Israels. Ich habe selten Schulen gesehen, die derart konsequent die Öffnung des Unterrichts betreiben. Ich möchte vor meiner Emeritierung noch mal eine Exkursion mit Studierenden dorthin machen.

Ich habe inzwischen Unterricht in folgenden Ländern besucht: Finnland, Dänemark, Russland, Brasilien, Israel, Bolivien, Neuseeland, China und Japan (und in der DDR, als es sie noch gab.). Der Blick über den Tellerrand schärft die Aufmerksamkeit auf die deutschen Besonderheiten.

25. Zögerliche Globalisierung der Allgemeinen Didaktik

Als ich 1964 an der PH Oldenburg das erste Mal etwas von der Allgemeinen Didaktik hörte, handelte es sich - was die in Oldenburg vorgeschlagenen Autoren anging - eine norddeutsche Disziplin. Wir hatten zu viert eine studentische Arbeitsgruppe gebildet und lasen Klafkis „Studien zur Bildungstheorie und Didaktik“, ein Jahr später Heimann/Otto/Schulz und, nicht zu vergessen, den in Oldenburg geborenen Herbart. Südlich des Mains gab es eine völlig andere Lesekultur als bei uns. Ich hatte damals das Gefühl: Die Allgemeine Didaktik ist eine Regionaldisziplin. Das wurde erst besser, als Herwig Blankertz sein Buch „Theorien und Modellen der Didaktik“ schrieb und das erste Mal einen deutschlandweiten Spannungsbogen alternativer Modelle zog. (Die Entstehung dieses Buches hatte ich als sein damaliger Assistent und kurzfristiger WG-Mitbewohner hautnah miterlebt.)

Als ich Mitte der 80er Jahre Mitglied des Beirats des Instituts für die Didaktik der Mathematik in Bielefeld wurde, war ich fasziniert davon zu beobachten, wie weltläufig die Vertreter dieser Fachdidaktik waren: Alle zwei Jahre ein großes internationales Treffen, mal in Australien, mal in China und hin und wieder auch in Europa, intensiver Forschungsaustausch und zahlreiche internationale Publikationen.

Erst Mitte der 80er Jahre kamen die ersten Allgemeindidaktiker des Ostblocks zu uns nach Oldenburg, z.B. der von meinem Kollegen Friedrich Busch eingeladene Vincenty Okon aus Warschau. 1992 fand das erste Mal ein internationalen Kongress für Allgemeine Didaktik in Deutschland statt („Curriculum meets Didactics“, am IPN Kiel).

Inzwischen beobachte ich einen Globalisierungsschub, auch an mir selbst: AUDI-Fahrzeuge, der Transrapid und die deutsche Didaktik gelten in China als Spitzenprodikte. Wir kommunizieren per e-mail von Taipeh bis Taganrog, von Pewsum bis Peking. Wir reisen um die Welt, halten Vorträge und entdecken, dass in Finnland, China, Japan, Schweden und andernorts intensive allgemeindidaktische Diskurse geführt werden, von denen wir Deutschen nur lernen können. Wir fangen – ganz vorsichtig – an, auch die Allgemeine Didaktik an weltweit geltende Standards der empirischen Absicherung anzunähern. Warum dieser Prozess für die Allgemeine Didaktik erst in den 90er Jahren richtig an Fahrt gewonnen hat, kann ich mir nicht gut erklären. Aber ich genieße es, „Opfer“ dieser Globalisierung geworden.

26. Beiräte

Die Arbeit eines Hochschullehrers bringt diese und jene Beiratstätigkeit mit sich. In den Anlagen findet sich eine Auflistung. Besonders wichtig war und ist für mich die Mitgliedschaft im Beirat der Laborschule Bielefeld. Diese Arbeit ist für mich sehr lehrreich, weil ich hier das „didaktische Gras wachsen hören kann“. Viele Entwicklungen, die später auch in Niedersachsen angekommen sind, wurden hier schon früher durchdacht und erprobt.

27. Emeritierungsdatum

Ich werde immer öfter danach gefragt, wann ich meinen Platz räume, obwohl mir gar nicht danach zumute ist. Weil ich 1975, also im vorletzten Jahr, in dem noch die mittelalterlichen Privilegien der Emeritierung vergeben wurden, zum Professor ernannt worden bin, kann, darf und soll ich bis zum 68. Lebensjahr (2009) arbeiten. Ich beklage mich nicht darüber, weil Arbeit – frei nach Karl Marx – ein gutes Mittel zur Selbstverwirklichung ist.

28. Fazit

Ich habe in meinem beruflichen und wissenschaftlichen Werdegang trotz der eingangs erwähnten einstürzenden Neubauten viel Fortune gehabt. Dafür bin ich allen, die mir dabei geholfen haben, dankbar. Einiges ist nicht gelungen. Aus heutiger Sicht fehlt mir eine stabile eigene empirische Forschungspraxis. Andererseits vermute ich, dass ich zu meinen Ratgebern und Lehrbüchern niemals gekommen wäre, wenn ich deren empirische Basis erst selbst hätte herstellen müssen. Mir fällt auf, dass ich zu erwähnen vergessen habe, dass ich von 1989 bis 1991 und dann nochmals 1993 fünf Semester lang Dekan des Fachbereichs 1 war.

Es ist keine Floskel, wenn ich anmerke, dass mir die gemeinsame Arbeit mit Studierenden in den Seminaren und an irgendwelchen Projekten immer am meisten Spaß gemacht hat. Am liebsten habe ich mit den Wissenschaftlichen Hilfskräften zusammen gearbeitet und mich gefreut, wenn sie gute Examina machten und auch sonst ihren Weg durch die Schule gemeistert haben.


1.7.2006

 

Hilbert Meyer


 

Anlagen

(1) Lehrveranstaltungen (in Auswahl)

Sommersemester 1975

- Vorlesung: Einführung in die Curriculumforschung

- Projektplenum SPASC (= Schülerorientierter Projektunterricht als schulnahe Curriculumentwicklung)

- Projektorientierter Kurs: Vorbereitung von Projektunterricht

- Seminar: Feiertagsdidaktiken und alltägliche Unterrichtsvorbereitung

Wintersemester 1989/90

- Vorlesung: Einführung in die Allgemeine Didaktik

- Vorbereitung auf das Allgemeine Schulpraktikum

- Betreuung und Auswertung des Allgemeinen Schulpraktikums

- Körpersprache im Unterricht

Sommersemester 2000

- Vorbereitung auf das Allgemeine Schulpraktikum

- Betreuung und Auswertung des Allgemeinen Schulpraktikums

- Forschungsseminar

- Bilingualismus und Handlungsorientierung im Fremdsprachenunterricht/Bilingua-lism and Task-orientation in Foreign Language Teaching (gemeinsam mit Heike Rautenhaus, FB 11, und Mitwirkenden LehrerInnen)

- Promotionscolloquium

Sommersemester 2001

- Lebenslanges forschendes Lernen im Kooperationsverbund Schule/Seminar/Uni-versität

- Unterrichtsvorbereitung

- usw.

Wintersemester 2003/2004

- Vorlesung 1.01.02: Einführung in die Schulpädagogik/Allgemeine Didaktik (gemeinsam mit Hanna Kiper, Wilhelm Topsch und TutorInnen)

- Übungen zur Unterrichtsmethodik

- usw.

Wintersemester 2005/2006

- Vorlesung mit Übungen: Merkmale guten Unterrichts (mit Mitwirkenden LehrerInnen)

- Einführung in die Oldenburger Teamforschung

- Lehren und Lernen in der Sekundarstufe I

- Vorbereitung auf die mündliche Pädagogikprüfung

(2) Exkursionen mit Studierenden

- Rijksuniversiteit Groningen (1979)

- Vrije Universiteit Amsterdam (1981)

- Pädagogische Hochschule Delft (1982

- Laborschule Bielefeld (1994; 1999; 2005)

- Odenwaldschule (1998; 2002)

(3) Gastprofessuren

Ich habe insgesamt fünf Gastprofessuren in Österreich wahrgenommen:

- bei Herbert Altrichter in Innsbruck (einmal)

- und in Linz (zweimal),

- bei Peter Posch in Klagenfurt (zweimal).

(4) Beiräte

- 1977 bis 1980: Mitglied des Kuratoriums des Regionalen Pädagogischen Zentrums (RPZ) in Aurich/Ostfriesland - ein Modellversuch des Bundes, der dann vom Land Niedersachsen abgebrochen wurde

- 1984 bis 1994: Mitglied des Beirats des Instituts für Didaktik der Mathematik an der Universität Bielefeld

- seit 1994 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Laborschule BIelefeld

- seit 1995 Mitglied des Beirats der Hauptschule Osternburg

seit 1998: Mitglied des Beirats der Cornelsen Stiftung "Lehren und Lernen" beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und Sprecher des Jurorenteams des Cornelsen Förderpreises „Zukunft Schule“

- seit 2002: Mitglied des „Runden Tisches Bildung“ des Senators für Schule und Bildung in Bremen

- seit 2004: Mitglied des Beirats der Private.public partnership zwischen IBM Deutschland und Schulsenator Hamburg „Werkzeuge des Lernens“

1 Wer sich in der Rockszene nicht auskennt, dem sei gesagt, dass es bei dieser Anspielung um eine vor 20 Jahren aktuelle Band der Neuen Deutschen Welle geht.

2 Vielleicht ist dies der Grund, weshalb ich die Szene aus dem Alexis Zorbas-Film so liebe, in der die frisch konstruierte Seilbahn unter Getöse und mit viel Staub zusammenbricht. Ein großes Projekt ist beendet, aber Alexis schüttelt sich den Staub vom Gesicht und sagt seinem Kumpan: „Hast du jemals etwas so schön zusammenbrechen sehen?“

3 Ich schreibe diese Daten aus dem Gedächtnis auf – ich habe keine Zeit gefunden, in alten Dokumenten zu stöbern. Das kann kleine Ungenauigkeiten zur Folge haben. Ich bitte um Verständnis, dass ich nicht im laufenden Semester ein eigenes Forschungsvorhaben für diesen Text starten kann.

4 Diese Hochschule wurde von den Nationalsozialisten gezielt zur ideologischen Erschließung und Beherrschung des „Ostraumes“ gegründet. Die erste Riege der Dozenten – allesamt stramme Nazis – hatte sich nach wenigen Jahren so zerstritten, dass sie sich in einer Dienstbesprechung gegenseitig mit vorgehaltener Pistole bedrohten. Daraufhin beschloss das Ministerium Rust, einen erheblichen Teil des Personals auszutauschen. Mit dieser zweiten, „entideologisierten“ Dozenten-Riege kamen u.a. der spätere Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, Wolfgang Sucker, und auch mein Vater nach Lauenburg. In der Arbeit von Alexander Hesse („Die Professoren und Dozenten der Preußischen Pädagogischen Akademien und Hochschulen für Lehrerbildung“, Weinheim 1995, S. 309) wird auf Grundlage der noch erhaltenen Personalakten einiges über den beruflichen Werdegang meines Vaters gesagt.

5 Erst vor 15 Jahren, als ich das erstemal eine Biografie von Janus Korczak las und auf der Karte nachschaute, wo Treblinka liegt, stellte ich mit Entsetzen fest, wie nah dran an den Vernichtungslagern wir damals gelebt haben. Meine Mutter erzählte uns, dass sie von ihrem Schwager (Theologiestudent; vermisst in Russland seit 1944) gehört hatte, dass „im Osten schlimme Dinge passieren“, Genaueres habe Onkel Georg-Heinz aber auch nicht mitgeteilt.

6 Rolf Hornig (Hrsg.): Drei Frauen im 20. Jahrhundert. Eine biografische Trilogie aus Westerstede. Pleis Druckerei Westerstede 1998, S. 108 bis 156

7 Das hat er nie verschwiegen. Er war deshalb auch tolerant, wenn einem meiner Geschwister das gleiche passierte.

8 In Friedrich Wissmanns Habilitationsschrift findet sich ein Kapitel über dieses Seminar und seinen präfaschistischen Direktor.

9 Damals wurde meinem Vater vom Rektor der Oldenburger Akademie bedeutet, dass er bessere Chancen hätte, wenn er aus der Kirche austräte, was er aber nicht getan hat. Theodor Wilhelm hat während der Affäre um seine Ernennung zum Ehrenmitglied der DGfE in den 80er Jahren erklärt, niemals vor 1945 in der Lehrerbildung tätig gewesen zu sein. Das ist falsch.

10 Diese Hochschule wurde 1973/74 aufgelöst; die Planstelle meines Vaters wurde im niedersächsischen Landeshaushalt in den Stellenplan der in Gründung befindlichen Universität Oldenburg überführt. Und genau diese Stelle habe ich nun seit 31 Jahren inne. Als ich mich bewarb, musste ich noch nichts von diesem Zufall. Es wäre mir peinlich gewesen; erst 16 Jahre später habe ich anderen das erste Mal davon erzählt.

11 Ein eigenes Zimmer bekam ich das erste Mal als Student.

12 Die zwei oder drei Magengeschwüre, die meine Mutter bekam, führten wir größer gewordenen Kinder nicht auf die viele Arbeit, sondern auf die Großmutter zurück.

13 Mein Großvater mütterlicherseits und mein Vater waren Lehrer. Vier meiner Geschwister wurden LehrerInnen. Ich habe eine Ehefrau und drei Schwägerinnen, die Lehrerinnen sind. Wir hätten zusammen das Kollegium einer mittelgroßen Grundschule bilden können. Knapp 20 meiner 28 Mitschüler der Abiturklasse wurden Lehrer und Lehrerin.

14 Das Bethel-Studium war ein Angebot unseres Vaters, das drei von uns Kindern wahrgenommen haben, das er so begründete: „An der Oberschule in Westerstede habt Ihr nicht lernen können, was hartes Arbeiten ist. Das könnt Ihr beim Graecum in Bethel nachholen.“

15 Die erste schriftliche Note an der PH war die sogenannte „Vorexamensarbeit“ in Deutsch. Ich erhielt ein mangelhaft. Der Dozent, Professor Hans Lüschen, sagte kein Wort zur Begründung der Note, merkte aber an: „Sie heulen nicht. Die Studientinnen heulen immer so.“ Im Ersten Examen war die Gesamtnote dann ein „sehr gut“, das aus drei Zweien und drei Einsen zusammen gezogen wurde. Der zweite Student, der in meinem Jahrgang ein sehr gut erhielt, war Freerk Huisken, der später Professor an der Uni Bremen wurde.

16 Die lokale Junge Union kam in die PH und forderte uns auf, die Einladung abzulehnen. „Ihr dürft Adenauer nicht in den Rücken fallen.“

17 Bei diesem Anlass lernte er den führenden Vertreter der Polytechnischen Bildung, Prof. Hans Joachim Klein kennen und baute eine Freundschaft auf, die bis 1990 anhielt.

18 Die von uns ausgesprochene Gegeneinladung der FDJler nach Oldenburg wurde angenommen, aber nie realisiert. 1968 traf ich eine der damaligen Ostberliner StudentInnen an der FU Westberlin wieder. Sie gestand, dass sie nur wegen der Hoffnung auf eine Chance zur Republikflucht – wie mehrere andere – in den Reisekader eingetreten war. Offensichtlich sah das die StaSi genauso und gab keine Zustimmung zu dieser Reise.

19 Ich bin insgesamt dreimal verbeamtet worden.

20 Damals war es noch nicht möglich, sich aktiv um eine Promotion zu bewerben. Man musste warten, bis man das Angebot eines Hochschullehrers erhielt. Werner Loch und Herwig Blankertz hatten mir dies Angebot gemacht – ich habe geschwankt, was für mich sinnvoller sei, mich dann aber ganz klar für Herwig Blankertz entschieden, weil ich den – richtigen – Eindruck hatte, bei ihm mehr zur Wissenschaftstheorie lernen zu können.

21 Herwig Blankertz hatte mir zunächst vorgeschlagen, das Deduktionsproblem in einer historischen Analyse zu klären. Das fand ich langweilig. Mein Vorschlag, mich auf die aktuelle Curriculumdiskussion zu beziehen, wurde von ihm sofort akzeptiert und nach Kräften unterstützt.

22 Diese Titel-Generalisierung hat mir dann noch Ärger mit Hartmut von Hentig eingebracht: Zur 500-Jahrfeier der Uni Tübingen hielt er einen Vortrag zur Frage der Praxisrelevanz der erziehungswissenschaftlichen Forschung (veröffentlicht in HvH: Erkennen durch Handeln, Stuttgart 1982), in dem er meine Dissertation als Musterbeispiel für Praxisirrelevanz kritisierte (a.a.O., S. 35). Er hat aber zugestanden, dass ich mich in späteren Veröffentlichungen ein wenig verständlicher ausgedrückt habe.

23 Eine genauere Analyse der personalpolitischen, curricularen und bildungspolitischen Aktivitäten von Blankertz liefert die in Kürze veröffentlichte Münsteraner Dissertation von Martin Rothland (Erstgutachter: Ewald Terhart).

24 Was ich nicht getan habe.

25 Vgl. Hilbert Meyer (1993): In memoriam Herwig Blankertz (22.9.1927-26.8.1983). In: Her­wig-Blankerz-Stiftung der Stadt Recklinghausen in Zusammenarbeit mit der Akademie für Jugend und Beruf Hattingen S. 13-28

26 Ein für mich riskanter Mitbewerber war der damalige Direktor des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften, Karl Frey. Obwohl er mit Habilitation und einer hochdotierter Kieler Stelle formal allen anderen Stellenbewerbern weit überlegen war, wurde er nicht auf die Liste gesetzt, weil die Kommission offensichtlich davon überzeugt war, dass er einen Oldenburger Ruf nur versilbern und nicht wirklich annehmen wollte. Schärfster Mitbewerber war Johannes Beck, der kurz danach eine Stelle an der Uni Bremen erhielt. Die Studierenden stimmten gegen mich, weil ich dem bürgerlichen Lager zu nahe stand. Die Mittelbauern und Hochschullehrer stimmten für mich, weil sie dem mündlich und schriftlich eingeholten Urteil von Herwig Blankertz trauten.

27 Damals spotteten wir in Münster, dass nur die Fußlahmen die Habilitation vor einem Ruf schaffen würden.

28 Die Verwaltung hatte versäumt, das Mobiliar zu bestellen. Deshalb habe ich die ersten 12 Monate Asyl im Zimmer von Meinhard Tebben und Rudolf zur Lippe gewährt bekommen. Als ich Hans-Dietrich Raapke klagte, keine Einrichtung zu haben, meinte er lakonisch. „So ist das hier. Einen Lehrstuhl kriegen Sie hinterher geschmissen, aber auf einen Stuhl müssen Sie warten.“

29 Hin und wieder werde ich gefragt, ob ich durch die Honorare zum Millionär geworden sei. Ich antworte dann: mitnichten! Ich habe einen sehr schönen Zuverdienst, aber das ist immer noch deutlich weniger als das, was ein doppeltverdienendes Lehrer- oder Hochschullehrer-Ehepaar jedes Jahr zur Verfügung hat. (Und die werden auch nicht alle Nase lang gefragt, was sie denn mit dem vielen Geld anfangen.)

30 Ein vollständiges Schriftenverzeichnis findet sich auf meiner Homepage.

31 Auf meiner Homepage befindet sich eine vollständige Auflistung meiner Veröffentlichungen.

32 Dem Erlass des Ministers war eine Beschwerde mehrerer Gymnasialdezernenten der Bezirksregierung Weser-Ems aus Osnabrück vorausgegangen. Sie kritisierten u.a. an meinem Text, dass darin die marxistische Aussage stünde, im Unterricht fände „entfremdetes Lernen“ statt.