Mes études à Paris
Bericht über einen Studienaufenthalt im Rahmen des Sokrates - Programms
an der
Université de Paris-Sud
/ Orsay
1997-1999
von Holger Borchert
M o t i v a t i o n
| Nach Abschluss des Vordiploms
in Physik an der Universität Hamburg
habe ich einen zweijährigen Auslandsaufenthalt an der Université
de Paris-Sud XI in Orsay/Frankreich eingelegt.
Das erste Jahr dieses Studienaufenthaltes fand im Rahmen des europäischen Programms SOKRATES statt. Aus Begeisterung folgte ein zweites Jahr in Selbstorganisation. In der Hoffnung, damit anderen am Austausch-Programm Interessierten einige nützliche Informationen bieten zu können, möchte ich gern von meinem Aufenthalt in Frankreich und meinen persönlichen Eindrücken berichten. Der Leser sollte allerdings bedenken, dass der Bericht auf meinen Eindrücken aus dem Jahre 1999 beruht. Auch wenn an einigen Stellen kleine Aktualisierungen vorgenommen worden sind, so entspricht vielleicht nicht mehr alles dem Stand der Dinge. Ich bitte dies zu entschuldigen. |
D a s f r a n z ö s i s c h e H o c h s c h u l s y s t e m
| Da ich selbst zu Beginn meines
Aufenthaltes unzureichend über das ausländische Bildungssystem
informiert, beziehungsweise von der Vielfalt der möglichen Bildungswege
verwirrt war, möchte ich versuchen, kurz die wichtigsten Strukturen
zu erläutern.
Das französische Hochschulsystem ist grundsätzlich etwas anders strukturiert als das klassische deutsche System, welches mit Grund- und Hauptstudium in nur zwei Abschnitte gegliedert ist und während beider Phasen in vielen Studiengängen sehr viele Freiheiten bezüglich der Kurswahl bietet. In Frankreich hingegen besteht für jedes Studienjahr ein ziemlich starrer Lehrplan. Allerdings gibt es eine Reihe von Möglichkeiten für den Aufbau des Studiums, wodurch das französische Hochschulsystem für den ausländischen Studenten recht unübersichtlich wird. Zunächst sollte man wissen, dass in Frankreich eigentlich nicht die Universitäten, sondern die sogenannten Grandes Ecoles die höchste Bildungsinstitution darstellen. Der Zugang zu diesen häufig privat geführten Eliteschulen ist jedoch stark begrenzt, so dass die Universitäten selbstverständlich auch einen hohen Rang einnehmen. Allgemein gliedert sich die Hochschulausbildung in drei Phasen, drei cycles. Die erste Phase (1er cycle) umfasst zwei Jahre und wird an den Universitäten in der Regel mit dem DEUG abgeschlossen. Dies entspricht dem deutschen Vordiplom. Daran schließen sich zwei weitere Studienjahre an, die Licence und die Maîtrise, welche zusammen die zweite Studienphase bilden (2e cycle). Jedes Jahr wird dabei mit einem gesonderten Diplom abgeschlossen. Nach Erhalt der Maîtrise eröffnet sich eine Vielzahl von Möglichkeiten. Wenngleich dieses Diplom bereits berufs-qualifizierend ist, schließt sich in der Regel noch eine dritte Studienphase an (3e cycle). An dieser Stelle muss man sich bezüglich des weiteren Werdeganges entscheiden. Wer ein Doktorat anstrebt, absolviert ein DEA, für einen direkten Einstieg in die Industrie ist eher ein DESS zu empfehlen. Lehramts-Kandidaten müssen die Agregation erwerben. Jeder dieser Wege dauert ein weiteres Jahr, so dass sich wie in Hamburg eine Gesamtstudiendauer von fünf Jahren ergibt. Es sei angemerkt, dass sich nach Erhalt der Maîtrise auch eine nachträgliche Zugangsmöglichkeit zu den Grandes Ecoles ergibt. An einigen Universitäten, so auch an der Université de Paris-Sud, können Licence, Maîtrise und DEA unter Einbindung gewisser Zusatzveranstaltungen seit einiger Zeit in einem diese drei Jahre zusammenfassenden Studiengang, der sogenannten Magistère absolviert werden. Mit der Einführung dieses Diploms haben die Universitäten im Ansehen gegenüber den Grandes Ecoles beträchtlich aufgeholt. Homepage der Magistère de Physique / Université de Paris-Sud XI |
D i e U n i v e r s i t é d e P a r i s - S u d X I / O r s a y
| Bei der Ankunft in Frankreich
wurden wir Austauschstudenten an der Université de Paris sehr nett
empfangen. Eine Gruppe von Studenten hatte eine Führung über
den Campus organisiert, so dass wir gleich mit allen wichtigen Örtlichkeiten
vertraut wurden und schnell Kontakt zu den französischen Studenten
finden konnten. M. Cordier, SOKRATES - Koordinator für den Fachbereich
Physik, war uns bei den mit der Einschreibung, etc. anfallenden Formalitäten
ausgesprochen behilflich.
Im Gegensatz zu den französischen Studenten konnten wir „Austauschler“ unseren Stundenplan frei zusammenstellen, d.h. Vorlesungen aus Licence und Maîtrise so kombinieren, dass eine optimale Abstimmung auf den Lehrplan der Heimatuniversität ermöglicht wird. Man beachte allerdings, dass man bei einer solchen Kombination kein französisches Diplom erhält, da dann weder die Licence noch die Maîtrise komplett ist. Neuerdings gibt es für ausländische Studenten im Rahmen des SOKRATES-Programms aber auch die Möglichkeit, an der Pariser Universität ein europäisches Diplom zu erlangen, das Diplôme Européen de Physique de l'Université Paris Sud. Diese Option erlaubt verschiedene Inhalte aus Licence und Maîtrise in Abstimmung auf die Heimatuniversität in einem neuen Diplom zu gruppieren. Aufgrund der anderen Struktur des Studiums bilden die Studenten eines Jahrgangs in Frankreich fast eine Art großen Klassenverband. In der Licence und der Maîtrise waren jeweils etwa 80 französische Studenten eingeschrieben. Dieses schulähnliche System erscheint mir zwar nachteilig in Bezug auf die Freiheiten bei der individuellen Kurswahl, hat dafür aber andere Vorzüge. Die Studenten bilden einen engeren Verband, das Studium ist weniger anonym. Die Zahl der ausländischen Gaststudenten im Fachbereich Physik belief sich auf rund zwanzig Personen. Der Anteil war damit deutlich höher als an meiner Heimatuniversität in Hamburg. Meine in fünf Jahren Schulunterricht, sowie am Fachsprachenzentrum der Universität Hamburg erworbenen Französischkenntnisse reichten aus, um den Vorlesungen schon zu Beginn des Aufenthaltes angemessen folgen zu können. Der größte Teil der Fachbegriffe ist doch einfach wiederzuerkennen. Man „hört sich schnell ein.“ Wie von der Universität Hamburg gewohnt, gibt es auch in Paris stets Vorlesungen und dazugehörige Übungen (Travaux Dirigés, TD). Jedoch werden die Übungsaufgaben wirklich während dieser TDs bearbeitet. Meiner Ansicht nach ist man dabei stärker gefordert, als wenn man die Aufgaben „gemütlich“ zu Hause lösen kann. Außerdem gibt es in Paris auch hin und wieder schriftliche Hausaufgaben. Grundsätzlich unterscheidet sich der Arbeitsstil an der Pariser Universität ein wenig von dem Hamburger Vorbild. Die Lösungswege für die Aufgaben sind häufig grob vorgezeichnet. Man wird gewissermaßen durch die Aufgaben geführt und löst diese so Schritt für Schritt. Dies gilt nicht nur für die TDs, sondern auch für die Klausuren. Eine Klausur besteht in der Regel aus zwei großen Aufgaben, welche dann relativ fein unterteilt sind. Während eine Vorlesung
in Hamburg durch den Erwerb des entsprechenden Übungsscheines abgeschlossen
wird, geschieht dies in Paris ausschließlich über die Klausuren.
Zu jeder Vorlesung gibt es benotete Zwischenklausuren, sowie eine Abschlußklausur.
Die TDs haben also wirklich eine reine Übungsfunktion. Diese Übungsgelegenheit
wird von den französischen Studenten konsequent wahrgenommen.
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P r a k t i k u m
| Nach Ende der Vorlesungszeit,
d.h. ab Juni 98 habe ich noch ein längeres Praktikum in einem der
Universität angegliederten CNRS-Labor, dem Laboratoire
Aimé Cotton absolviert. Dies war höchst interessant. Eigentlich
zum ersten Mal in meiner Ausbildung habe ich einen richtigen Einblick in
den Laboralltag bekommen. Die französischen Professoren waren uns
ausländischen Studenten gegenüber sehr aufgeschlossen und waren
bei der Suche nach einem geeigneten Praktikum behilflich. Ich war überrascht,
wieviel Freiheiten man mir im Labor eingeräumt hat. Auch mit teurem
Gerät durfte ich teilweise eigenständig experimentieren.
Dem ersten Praktikum folgte in der gleichen Arbeitsgruppe noch ein zweites im nächsten Studienjahr. Liste der naturwissenschaftlichen Institute und Labors an der Université de Paris-Sud XI |
S p r a c h e
| Wenngleich auch zu Ende des
Aufenthaltes noch jeder sofort erkennt, dass man kein Franzose ist, so
haben doch die Sprachkenntnisse ganz erhebliche Fortschritte gemacht.
Gleich zu Beginn des Aufenthaltes wurden für alle ausländischen Studenten Sprachkurse angeboten, um gewisse Kenntnisse aufzufrischen. Die Teilnahme an diesen Kursen ist auf jeden Fall zu empfehlen, wobei die Sprache selbst gar nicht unbedingt den Hauptaspekt darstellt. Im Rahmen der Sprachkurse lernt man andere Studenten aus den verschiedensten Ländern kennen. Die multinationale Atmosphäre ist sehr interessant und bereichernd. Inhaltlich wurden in den Kursen viele kulturelle Themen behandelt. Man lernt also dort auch so manches über die Kultur des Gastlandes. Unternehmungen wie gemeinsame Theaterbesuche sind auch aus den Sprachkursen erwachsen. Über das SOKRATES - Programm hatte ich mir ein Zimmer in einem Studentenwohnheim (Résidence Universitaire) reservieren lassen. Schon aus sprachlichen Gründen ist dies sehr zu empfehlen, denn so lernt man schnell viele französische Studenten kennen. Mit einem Campingkocher für siebzehn Leute ist beispielsweise in der Küche immer Betrieb. Das gilt auch für die Waschmaschine, ist bei zwei Exemplaren für rund tausend Studenten allerdings eher lästig. Die französischen Studenten waren uns Austauschlern gegenüber sehr offen. Im Laufe der Zeit habe ich viele Kontakte knüpfen können, von denen noch viele Bestand haben und auch behalten werden. An dieser Stelle möchte ich noch anmerken, dass es sehr wichtig ist, sich wirklich in die Gesellschaft des Gastlandes zu integrieren. Man muss manchmal etwas aufpassen, dass man nicht mit den anderen Austausch-Studenten nur unter sich bleibt. Um möglichst schnell der französischen Sprache mächtig zu werden, habe ich mir angewöhnt, auch mit den anderen deutschen Studenten auf französisch zu sprechen. Dies erscheint vielleicht zu Beginn etwas merkwürdig, wird aber sehr schnell selbstverständlich. Die Strategie hat sich jedenfalls als erfolgreich erwiesen. Zu Ende des Aufenthaltes war deutlich zu merken, wer zu sehr an seiner Muttersprache festhing und wer sich wirklich auf französisch durchgeschlagen hat. |
O r s a y
| Die Partneruniversität
ist in Orsay, etwas außerhalb im Süden von Paris gelegen. Die
Anbindung an das Zentrum mittels der Metro (RER B) ist jedoch noch
recht gut. Die Fahrzeit beträgt etwa eine Dreiviertelstunde. Orsay
ist offensichtlich älteren Ursprungs und erst später von der
Ausdehnung der Stadt Paris „geschluckt“ worden. Der Ort hat aber etwas
von seiner Gemütlichkeit bewahren können. Ich empfand es stets
als angenehm, nicht direkt im turbulenten Zentrum von Paris zu wohnen.
Die Université de Paris-Sud ist auf einem ehemaligen Schloßpark angesiedelt. Der Campus sieht damit eigentlich gar nicht aus wie ein Campus. Besonders zur warmen Jahreszeit läßt sich dieses Ambiente genießen. Ich habe so manches Picknick in guter Erinnerung. |
P a r i s / A m ü s e m e n t
| Vom Eiffelturm bis zum Schloss
von Versailles habe ich in zwei Jahren ungefähr alles besichtigt,
was man irgendwie besichtigen kann. Aber Paris ist einfach so groß,
dass immer noch etwas nach bleibt. Besonders gut gefiel mir das Musée
d’Orsay. Auch wenn der Name darauf hindeutet, steht dies nicht in Orsay,
sondern im Zentrum von Paris. Es handelt sich dabei um einen umgebauten
Bahnhof, in welchem jetzt Skulpturen und Malerei, insbesondere des Impressionismus
ausgestellt sind.
Überhaupt ist Paris eine künstlerische Metropole. Allein der Louvre ist nahezu unerschöpflich und steht Studenten für nur 100 FF im Jahr offen (Carte Louvre Jeunes). An anderweitigen Vergnügungen wie einem gemütlichen Abend in der Kneipe oder in der Disco mangelt es natürlich auch nicht. Auffallend ist noch, dass es in Frankreich/Paris einige Volksfeste gibt, welche sich dann überall auf den Straßen abspielen. Zur fête de la musique beispielsweise finden sich an jeder Straßenecke Amateurgruppen, welche ihre Künste darbieten. Aber auch etablierte Häuser, sogar die Oper stehen an diesem Tag für jedermann offen. Man hat den Eindruck, ganz Paris würde auf der Straße feiern. Die Atmosphäre derartiger Veranstaltungen ist eine interessante Erfahrung, ein Miterleben einer anderen Kultur. |
Z u s a m m e n f a s s u n g
| Der Auslandsaufenthalt war
ein Erfolg in jeder Hinsicht. Ich habe das französische Bildungssystem
mit seinen Vorzügen und Nachteilen kennengelernt und einen tiefen
Einblick in die französische Kultur erhalten. Dies hat teilweise neue
Interessen bei mir geweckt und damit zur Entwicklung der Persönlichkeit
beigetragen.
Das Ziel die Sprachkenntnisse zu vertiefen ist ebenfalls erreicht. Allerdings darf man dabei auch nach zwei Jahren nicht erwarten, wirklich perfekt sprechen zu können. Da ich mich an der Pariser Universität sehr wohl gefühlt habe und nach Ablauf des SOKRATES-Jahres bedauerte, kein französisches Diplom erhalten zu haben, habe ich mich entschlossen, meinen Aufenthalt noch zu verlängern. Im zweiten Jahr habe ich dann als regulär eingeschriebener Student die Maîtrise de Physique Fondamentale erworben. An dieser Stelle sei noch einmal erwähnt, wie leistungsfähig das SOKRATES/ERASMUS - Programm wirklich ist. Die Stärken liegen nicht nur in der finanziellen Förderung, sondern auch in der Erleichterung vieler Formalitäten. „ERASMUS“ ist fast schon eine Art Zauberspruch, welcher in allen Sekretariaten Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft hervorrufen kann. Wenn man sich an der Gastuniversität noch nicht auskennt, ist es ohne die Hilfestellung eines solchen Austauschprogrammes sicher bedeutend schwieriger, alles richtig zu arrangieren. Die Einschreibung für das zweite Studienjahr war ebenfalls durch die vorige Teilnahme an dem Austauschprogramm wesentlich erleichtert. In Bezug auf die Anerkennung der in Frankreich erbrachten Studienleistungen gab es auch keine Probleme. Die Lehrveranstaltungen entsprechen einander recht gut. Vor Antritt der entsprechenden Prüfungen an der Universität Hamburg war dennoch ein detaillierter Inhaltsvergleich von Nöten. Die Teilnahme an dem Austauschprogramm kann ich nur jedem weiter empfehlen. |
W e i t e r e I n f o r m a t i o n e n
| Fotos
von der Universität, dem Studentenwohnheim, Orsay, etc.
Download dieses Berichtes als PDF-Dokument Weitere Informationen und Erfahrungsberichte finden sich auch auf der Homepage des Fachschaftsrats Physik der Universität Hamburg. Für zusätzliche Auskünfte über alle mit dem Austausch in Verbindung stehenden Fragen stehe ich Interessenten selbstverständlich gern zur Verfügung: email : Holger_Borchert@gmx.net |
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